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Die christlich-islamischen Werkwochen 2014

 

Das Konzept

Nach den Weihnachtsferien beginnen drei besondere Wochen. Für diese Zeit kommen zu uns 19 kath. und ev. Theologiestudenten noch 5 Studenten der islamischen Theologie dazu. Zum dritten Mal finden 2014 die christlich-islamischen Werkwochen hier in Jerusalem statt. Initiiert wurden sie von Prof. Margareta Gruber, der Studiendekanin vor Prof. Thomas Fornet-Ponse.

Margareta Gruber bezeichnet die Werkwochen als ein gemeinsames „sich auf den Weg machen“. Man bleibt sich dabei selbst treu und vereinnahmt den anderen nicht. Es ist ein prozesshaftes Kennenlernen der jeweils anderen aber auch ein Vertiefen der eigenen Religion – interreligiöser Dialog ganz praktisch und auf Augenhöhe.

 

Aber warum in Jerusalem und nicht in Deutschland?

 

Jerusalem hat im Christentum und im Islam einen besonderen Stellenwert. Hier wird die Himmelfahrt des Propheten Muhammad verortet. Richtung Jerusalem wurde in den Anfangsjahren gebetet. Außerdem ist die dritte monotheistische Religion – das Judentum – hier omnipräsent. Deshalb lohnt es sich trotz mancher Widrigkeiten am Flughafen die Werkwochen in Jerusalem zu machen.

 

Und warum werden dazu Muslime aus Deutschland eingeflogen, wenn doch Jerusalem voller Moscheen ist?

 

Wir kommen alle von deutschsprachigen Universitäten und haben somit eine gemeinsame akademische Tradition. Damit sind gute Grundlagen für das gegenseitige Verstehen und einen gelingenden Dialog gelegt, trotz der begrenzten Zeit.Vom 07.-25.1.2014 hatten wir so die Gelegenheit uns kennenzulernen, miteinander zu diskutieren, zu lachen und gemeinsam Teile Israels zu bereisen. Zum Programm gehörten 2 Lehrveranstaltungen, 2 religionskundliche Tage, eine archäologische Exkursion in den Süden Israels, eine politische Exkursion nach Jaffo-Tel Aviv und ein Besuch des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee.

 

Leid und Leidbewältigung in Christentum und Islam

 

Ist Leid Strafe, Prüfung oder Preis der Freiheit? Und was bedeutet die Erfahrung von Leid für meinen Glauben? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das christlich-islamische Werkstattseminar 2014. Die Hauptmethode stellte dabei das Scriptural Reasoning (bzw. Havruta Learning) dar. Bei dieser Methode steht das gemeinsame Lesen und Diskutieren von Texten aus beiden Traditionen im Zentrum. Die Interpretationen der jeweils anderen Religion sind dabei nicht normativ, können aber interessante Facetten beleuchten. Die Dozenten Prof. Dr. Sr. Margareta Gruber OSF (Neutestamentliche Exegese und Biblische Theologie, Vallendar), Prof. Dr. Roman Siebenrock (Dogmatik, Innsbruck) und Dr. dres. Muna Tatari (Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften, Paderborn) gaben Impulse in kurzen Vorträgen und diskutierten mit.Schnell wird deutlich, dass es weder in der Bibel noch im Koran einheitliche Antworten auf die Theodizeefrage gibt. Wir beschäftigten uns u.a. mit dem Buch Hiob und der Geschichte von Mose und Hidr in Sure 18. Neutestamentlich betrachteten wir das Kreuzesgeschehen und die damit verbundene kategorische Umdeutung des Leidens. Das Kreuz ist nicht nur Ort des unermesslichen Leidens, welches mit der Auferstehung zusammen aber die Erlösung brachte, sondern auch der Ort, an den man sich als Christ immer wieder zu orientieren hat: Christusnachfolge kann auch eine Leidensnachfolge sein. In beiden Religionen hat sich durch die Jahrhunderte eine mystische Strömung entwickelt. Auch aus diesem Bereich haben wir christliche und muslimische Texte gelesen, die Leid thematisieren. Abschließend galt es aus den vielen verschiedenen Ansätzen, die wir kennengelernt hatten, eine für uns tragfähige Theodizee zusammenzustellen - ein nicht ganz einfaches Unterfangen, v.a. wenn es in der akuten Leiderfahrung helfen soll. Für den ein oder anderen bleibt da nur der Verweis auf die Unbegreiflichkeit Gottes für den Menschen - übrigens auch ein Ansatz, den man in beiden Religionen findet.

 

Religionskundliche Tage

 

Bei diesem sehr ernsten Thema tat es gut, dass an den religionskundlichen Tagen die Möglichkeit bestand, andere Fragen zu diskutieren, die beide Religionen betrafen. Anders als im Seminar stellten wir uns an diesen Tagen gegenseitig die je eigene Religion vor. Die Rückfragen und Diskussionen brachten dabei ganz interessante Aspekte zu Tage. Folgende Bereich wurden vertieft: die Exegese der offenbarten Schriften, Glaubensbekenntnisse, Scharia, religiöses Leben, muslimisches Gebet, ...Für mich persönlich war spannend in der gemischten Gruppe das christliche Glaubensbekenntnis durchzugehen und zu hören, was Muslime daraus lesen bzw. wo sie ohne Probleme mitgehen können. Besonders einprägsam war für mich auch die Anfrage der Muslime relativ am Ende des zweiten Tages, ob wir Muhammad als Propheten anerkennen können oder nicht.

 

Südexkursion

 

Gerade die erste Werkwoche war unglaublich voll und gesprächsintensiv. In der knapp bemessenen Freizeit gab es für die Gäste auch noch Führungen durch Jerusalem. Und so freuten wir uns alle auf die gemeinsame Exkursion in den Süden Israels. Außerdem heißt es schon beim Propheten Muhammad: „Man lernt einen Menschen erst richtig kennen, wenn man mit ihm zusammenwohnt oder mit ihm auf Reisen geht.“ Die erste Station war Masada - eine der Ausgrabungen, die wohl mit am meisten politische Bedeutung haben. Hier hatte Herodes der Große mehrere Paläste gebaut, von denen man heute noch Wandmalereien sehen kann. Hier haben sich 70nC jüdische Aufständische verschanzt und lieber Selbstmord begangen als den Römern in die Hände zu fallen. Hier finden seit der Staatsgründungen immer wieder Soldatenvereidigungen statt und die Parole "Masada darf nie wieder fallen" steht für den neuen Menschen, der jetzt für sein Land Israel kämpft. Trotz Januar ist es schon vormittags warm und wir kommen bei dem Anstieg schon ordentlich ins Schwitzen. Auf dem Rückweg geht es die Eroberungsrampe der Römer hinunter und mit dem Bus weiter nach Arad. Dort hat man neben einfachen Häusern auch eine Tempelanlage mit Maseben (Kultsteinen) gefunden, die vermutlich noch in israelitischer Zeit genutzt wurde.

 

Sozialistisches Gemeinschaftsleben und Völkerverständigung mitten in der Wüste

 

Die Nacht verbringen wir im Kibbuz Quetura in der Nähe von Eilat. Dort gibt es nicht nur Dattelbier zum Probieren sondern auch Milchkühe, eine Algenzucht und eine Natur und Umwelt Forschungsinstitut, an dem junge Menschen aus Israel, den USA und Jordanien studieren.

Auf dem Rückweg liegt Timna, ein beliebter Wanderpark mit interessanten Felsformationen. Aber auch archäologisch gibt es hier interessantes zu entdecken. Schon vor mehr als 3000 Jahren wurde hier Kupfer aus dem Gestein gewonnen. An einer Wand hat man ein ägyptisches Relief entdeckt und in der Nähe eine kleine Tempelanlage aus der Bronzezeit.

 

Jesus im Koran

 

Eine wahre Koryphäe der Islamwissenschaft ist Angelika Neuwirth. Sie hat wie bisher kaum jemand diesen Fachbereich geprägt. Und obwohl sie eine vielgefragte Wissenschaftlerin ist, hält sie jedes Jahr auch im Studienjahr eine Vorlesung, 2014 zusammen mit Zishan Ghaffar zum Thema "Jesus im Koran". Dabei wurden zuerst das islamische Offenbarungs­verständnis, das Verhältnis zu den anderen abrahamitischen Religionen und die Textgattung des Korans behandelt, um für die weiteren Textbetrachtungen eine solide Basis zu legen. Im zweiten Teil der Vorlesung wurden dann die Suren, in denen Jesus vorkam kontrovers diskutiert genauso wie die Frage, ob Christentum und Islam an dieser Stelle zusammenkommen können.

 

Haram-Besuch

 

Der Haram – in jüdischen Kreisen der Tempelberg – ist seit dem 7. Jh. das muslimische Zentrum Jerusalems. Noch vor 10 Jahren konnten Touristen aus aller Welt ohne Einschränkung den Haram besuchen. Inzwischen sind die Besuchszeiten für Nicht-Muslime sehr eingeschränkt und in den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee darf man als Tourist in der Regel nicht rein. Umso spannender war es für uns, dass wir diese Möglichkeit bekommen haben. Dazu machten wir uns früh auf den Weg. Es war ein ungewohntes Bild. Alle Frauen trugen Röcke und bunte Schals über den Haaren. Pünktlich waren wir alle am Kettentor. Nur mit einer Führung konnten wir als Gruppe die beiden Moscheen betreten. Uns blieb nicht viel Zeit, die Orte auf uns wirken zu lassen, die Guides scheuchten uns immer weiter voran. Umso schöner war es, dass die muslimischen Studenten, die schon zu einigen Gebetszeiten auf dem Haram waren, uns die Bedeutung der Orte aus ihrer Sicht zeigten und sie dadurch für uns nicht einfach eine touristische Attraktion blieben, die man auf der Jerusalem-Liste abhaken konnte.

 

Können Muslime und Christen gemeinsam beten?

 

In den ersten Monaten hat es sich eingebürgert, dass wir immer zu Beginn und am Ende der gemeinsamen Mahlzeiten beten. Im Grunde selbstverständlich führten wir es in den Werkwochen weiter und luden unsere Gäste ein, abwechselnd mit uns ein Tischgebet zu sprechen. Dabei kam der Wunsch auf, ob wir nicht die Gebete so gestalten wollen, dass jeweils beide Seiten mitbeten können. Aus dieser Frage entwickelte sich ein Diskussionsabend, ob wir zum gleichen Gott beten und wie so ein Gebet aussehen kann. Am Ende beschlossen wir am Abschlussabend für alle, die möchten, ein interreligiöses Gebet anzubieten. Die Lieder und Gebete stammten aus verschiedenen Traditionen.


Abschlussabend

 

Die Werkwochen waren bis oben hin gefüllt und sehr intensiv. Die Zeit verging wie im Flug. Am letzten gemeinsamen Abend haben wir mit Bildern auf die vergangenen Wochen zurückgeblickt. Auf der Dachterrasse gab es einen kleinen Auftritt der spontan zusammengefundenen Band. Ein Highlight war auch der Kopftuchbindekurs. Die Muslima führten uns auf amüsante Weise in ihre Sicht der Kopftuchfrage ein und warum sie sich dafür/dagegen entschieden haben. Anschließend zeigten sie an Kevin, welche verschiedenen Trageformen es gibt und auf was man achten muss. Danach wurde noch bis weit in die Nacht geratscht und getanzt.