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Studium eines Puzzles

von Jan Gühne (Studienjahr 2001/02)

Intensiv hatte ich mich auf den Aufenthalt in Jerusalem durch die tägliche Presse vorbereitet - für die Auswahlprüfung ist es ohnehin wichtig, die maßgeblichen Personen und Hintergründe zu kennen. Ich kannte Israel von einem Besuch zwei Jahre zuvor - und deshalb kamen mir am Beginn des Studienjahres die Architektur der Häuser, der chaotische Verkehrsfluss und der Tonfall der Menschen erstaunlich vertraut vor. Schon vom ersten Besuch wusste ich um die Spannungen und die geladenen Beziehungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Doch nun sollte ich 8 Monate intensiv die Möglichkeit erhalten, dieses Puzzle zu studieren und vielleicht einzelne Teile wieder zusammenzufügen. Dass diese Aufgabe fast unmöglich ist, das sollte ich als Ertrag mit nach Hause nehmen.

Durch den besonderen Standort des Klosters Hagia Maria Zion und unseres Studienhauses Bet Josef direkt an der Altstadt-Mauer und dem Zionstor waren wir gewissermaßen der direkten Konfrontationen entzogen. Bis 1967 war dieser Felsvorsprung "Niemandsland", und es wurden heftige Gefechte darum geschlagen. Die Spuren kann man direkt am Zionstor ablesen - durch die Einschußlöcher wurden die Ornamente fast gänzlich zerstört. Heute befinden sich das Kloster, eine jüdische Tora-Schule, ein paar Privatpersonen und das Studienhaus auf diesem Gelände, das von riesigen Friedhöfen eingerahmt wird. Es ist ein ideales Refugium, um sich aus dem Trubel zurückzuziehen. Gleichzeitig aber erreicht man die Brennpunkte von drei Weltreligionen bequem zu Fuß in 10 Minuten!

Geht man in das christliche Viertel der Altstadt, dann erfährt man die Geschichten der verschiedensten Denominationen und Konfessionen. Ich höre die Klage über den Wegzug der Christen aus dem Heiligen Land noch heute in meinen Ohren. Ich lernte die Zwickmühle kennen, in der die palästinenischen Christen stecken - für die Israelis sind sie Palästinenser oder Araber und somit stehen sie auf der "anderen Seite". Für die muslimischen Palästinenser sind sie jedoch Christen, also ein kleine Minderheit, die dementsprechend tendenziell ausgegrenzt wird.

Nur wenige Schritte weiter befindet man sich im jüdischen Viertel. Dort wurde in den letzten Jahrzehnten stark investiert, und die Lücken der Kriege füllten sich durch Neubauten. Das Viertel ist stark bewacht, schwerbewaffnete Soldaten und Polizisten kontrollieren die Zugänge, und die israelische Flagge wird demonstrativ an vielen Stellen zur Schau gestellt.

Geht man weiter, dann betritt man das muslimische Viertel, dass durch einen intensiven Handel und viele kleine Geschäfte geprägt ist. Dort kauft die arabische Bevölkerung aus Ost-Jerusalem ihre Sachen für den täglichen Bedarf ein. Während eines Besuches bei einem Friseur in diesem Teil der Altstadt erlebte ich einen arabischen Propagandasender, der über die tagespolitische Situation nicht unbedingt sachlich informierte. Alle starrten gebannt auf die neueste Nachrichten, denn vielleicht ist ein Verwandter oder Freund heute in einem Zwischenfall verwickelt.

Zwischen diesen Welten liegen nur ein paar Minuten Fußmarsch, nur wenige Minuten vergehen zwischen unterschiedlichsten Gesprächen. Zurück in unserem Studienhaus Bet Josef war es nun meine Aufgabe, diese Eindrücke und die unterschiedlichsten Interessen zu verarbeiten und, wenn möglich, zu einem Puzzle, zu einem Bild oder zumindest zu einem Ausschnitt zusammenzufügen. Hinzu kamen Vorträge und Vorlesungen von Einheimischen, Exkursionen zu geschichtlichen Stätten und die Referate, die wir Studenten uns gegenseitig hielten. Alle diese Informationen strömten auf mich ein - schließlich hatte ich das Gefühl, dass der Abstand zwischen den Puzzleteilchen eher größer als kleiner wird. Es gibt nicht "ein" Bild von Israel und nicht nur einen "Stadtplan" von Jerusalem.

Vielleicht aber besteht gerade darin der Ertrag meines Studiums in Jerusalem: neben dem vielen Wissen, das ich mir aneignen konnte, und neben den verschiedenen Eindrücken von Menschen, Bauten, Ausgrabungen, Religionen, die ich mitnehme, steht die Erfahrung, dass eben nicht alles so einfach auf einen Nenner zu bringen ist oder zusammenpaßt, wie man sich das in Europa am Schreibtisch ausdenkt. Ich nehme die Widerständigkeit der dortigen Realität mit in mein weiteres Studium - viele Antworten und Ergebnisse, aber auch viele neue Fragen.