zur Bewerbung

Ökumenische Spiritualität

Zum unverzichtbaren theologischen Erbe gehört die ökumenische Ausrichtung des Theologischen Studienjahres, die sich in der konfessionell gemischten Studenten- und Professorenschaft zeigt, aber mehr noch den Geist des theologischen Lebens und Lehrens in Jerusalem, dem "locus oecumenicus" ausmacht. P. Laurentius war schon vor dem Konzil ökumenisch engagiert und inspiriert von der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, „Nostrae Aetate“. In Jerusalem wurde ihm dieses Anliegen zur ganz konkreten Herausforderung. Sein Zeichen war das Regenbogenkreuz, das er im Sinai am Felsen der Inschriften bei der Oase Ein Hudra für sich entdeckte als Symbol der drei Gottesbünde: mit der Menschheit im Regenbogen nach der Flut, mit dem 12 Stämme-Volk, Israel, und in Christus, dem Erlöser. Er brachte seinen Studenten die Sicht des Philosophen Nikolaus von Cues nahe, der im Blick auf die Weltreligionen den kühnen Satz von der „una religio in rituum varietate“ (eine Religion in der verschieden Weise der Gottesverehrung) sprach, und lehrte sie mit diesem großen christlichen Denker, in der Form der coincidentia oppositorum eine Weise zu sehen, wie Gott sich zur Sprache bringt. Als Haltung empfahl er ihnen, ebenfalls mit dem Cusaner, den Blick auf das Verbindende zu werfen, um daran die Unterschiede zu erkennen.

Gerade in Jerusalem ist jedoch das Gespräch der großen Religionen besonders schwierig und wird immer schwieriger, und das nicht nur aus theologischen Gründen. Die Politisierung und Ideologisierung der Religion gehört zu den traurigsten Erfahrungen in dieser Stadt. Das Studienjahr versucht, zusammen mit den Mönchen der Abtei Dormitio, in seinem kleinen Rahmen ein Ort zu sein, wo Gelehrte aus den drei religiösen Traditionen sich treffen und, zumindest auf Zeit, die Mauern hinter sich lassen können. Die Studenten lernen anhand der Situation in Jerusalem, was es bedeutet, als Christin oder Christ einer religiösen Minderheit anzugehören, und wie notwendig aber schwer es ist, das Bedürfnis nach Abgrenzung und aggressiver Selbstbehauptung gegenüber dem Fremden immer wieder zu überwinden.

Was auf intellektueller oder politischer Ebene schwer zu verwirklichen ist kann in der Begegnung im Kleinen dennoch Erfahrung werden. Seit dem Studienjahr 2009/2010 können sich die Studentinnen und Studenten, soweit das intensive Studienprogramm es zulässt, in diakonischen oder pastoralen Einrichtungen in Israel oder der Westbank engagieren und so in einem „Sozialprojekt“ während des Studienjahres konkrete und – inschallah – auch ermutigende Erfahrungen mit dem Miteinander der Religionen machen.

Die innerchristliche Ökumene ist für ein christliches Studienhaus ein zentrales Thema. Das Theologische Studienjahr hat eine lange Tradition der Beziehung zum lateinischen Patriarchat und den zahlreichen Ordensgemeinschaften im Land, zur evangelischen Kirche in Jerusalem und zu den orthodoxen und orientalischen Kirchen in Jerusalem und Israel/Palästina. Hier kommen die Studenten vor allem in den Genuss der Freundschaften, die in den vergangenen Jahrzehnten durch die Mönche der Abtei und ihr ökumenisches Engagement gewachsen sind und die sich zum Beispiel in der Gastfreundschaft bei großen Liturgien und Festen äußern. Trotz ermutigender Erfahrungen ist gerade in Jerusalem als dem Ort der Einheit und der Erlösung der Skandal der Trennung nicht nur unter den Religionen, sondern unter den Christen, besonders schmerzlich.

Was jedem Studenten des Theologischen Studienjahres jedoch die Hoffnung gibt, dass Einheit der Kirchen möglich sein kann, ist das eigene ökumenische Lebensprojekt im Studienhaus der Dormitio, in dem Studierende und Lehrende aus den großen Kirchen deutscher Sprache, der katholischen und der evangelischen, miteinander leben und lernen. „Wie könnte man auch in Jerusalem, wo es so viel Nebeneinander, ja sogar Gegeneinander der Konfessionen gegeben hat und teilweise noch gibt, auf das Zeugnis des Willens zur sichtbaren Einheit der Kirchen verzichten? (…) Ökumene, das bedeutet im Rahmen des Studienjahres eine erneuerte Begegnung mit Jesus und miteinander. (...) So könnte das Studienjahr – obwohl nicht einfach kopierbar – Modellcharakter für die Kirche gewinnen“ (P. Laurentius Klein).

Theologie

Gemeinschaft