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Leben und Studieren in Jerusalem

von Mirjam Müller (Studienjahr 2001/02)

Studienjahr 2001/02 - es gab in meinem Leben wohl wenig Zeiten, die so dicht und intensiv waren, wie diese acht Monate, von denen wir die meiste Zeit in Jerusalem verbrachten, wenn wir nicht auf einer Tour durch den Sinai wanderten, auf zahlreichen Exkursionen durch Jahrtausende der Geschichte Israels und das ganze Land fuhren, die Gastfreundschaft der "Dormitiozweigstelle" am See Genezareth genossen und auf den Spuren des Neuen Testaments durch Galiläa zogen oder auf der Kreuzfahrerexkursion in grüner und blühender Landschaft romantische Ruinen mit einer Geschichte, die oft grausam und unromantisch war, eroberten.

Die politische Lage im Land, Attentate und Gegenschläge des israelischen Militärs, erlebten die meisten von uns als latente Daueranspannung. Meine eigene Identität wurde durch das, was wir im Studium lernten und noch mehr durch die Begegnung mit Menschen verschiedenster Religionen, Denominationen und Kulturen und deren jeweils andere Lebenskonzepte und Weltsichten immer wieder neu in Frage gestellt. Dies alles empfand ich manchmal als sehr anstrengend und fühlte mich zwischendurch auch ziemlich entwurzelt und haltlos. Trotzdem bin ich froh um diese Horizonterweiterung. In vielem bin ich theologisch und mit mir weitergekommen und lernte meine eigenen christlichen Traditionen und meine eigene Lebenskultur bewusster wahrzunehmen und zu schätzen.

Wie vielfältig und bunt die Eindrücke und Erlebnisse waren, soll die Erinnerung an einen Tag im Januar 2002 zeigen:

Bevor das Studienjahr nach der Weihnachtspause wieder mit einem intensiven Vorlesungsprogramm weitergeht, genieße ich den freien Epiphaniassonntag. Sana, ein 78jährige Bekannte, hat mich zum Mittagessen eingeladen. Sie wohnt in einem jüdischen Altenheim nahe bei Ein Kerem. Um nicht den Omnibus benützen zu müssen, leihe ich mir ein Fahrrad und flitze damit quer durch Jerusalem. Fast alle Bewohner des Heims kommen aus Europa, viele aus Deutschland. Die Mitbewohner von Sana, denen ich vorgestellt werde, freuen sich alle über "den jungen Gast aus Stuttgart" und erzählen, woher in Deutschland, Holland oder der Slowakei sie kommen. Innerlich leben sie wohl immer noch dort. Sie sagen "bei uns" und reden dabei von Köln, Düsseldorf oder Amsterdam, hören deutsche Musik und essen gerne Knödel und Schnitzel. Ohne die Shoa wären sie wohl nie nach Israel gekommen. Über die Lage im Land und die zweite Intifada reden wir nicht - auch nicht darüber, dass Ein Kerem im Tal, auf das man von hier einen wunderschönen Blick hat, einmal ein arabisches Dorf war, das wie 400 andere arabische Dörfer von Juden besiedelt oder zerstört worden ist, nachdem die einheimische Bevölkerung vertrieben wurde. In einem Referat haben wir uns mit der Geschichte der Vertreibung 1948 und der Situation der Flüchtlinge heute beschäftigt. Auch ein Flüchtlingslager haben wir besucht. Die zweite und dritte Generation der Flüchtlinge sind alle in den Lagern aufgewachsen und haben "ihr Dorf" nie gesehen. Trotzdem wollen sie wieder dorthin zurück - aber dort wohnen jetzt die Kinder und Enkel derer, mit denen ich hier am Tisch sitze.

Am 6. und 7. Januar wird das orthodoxe Weihnachten gefeiert, deshalb radle ich nach dem Essen noch weiter nach Bethlehem. Am Checkpoint stehen die üblichen Menschenschlangen. Von den Minaretten klingt der Ruf zum Gebet. Da fällt mir einen älterer Mann auf. Etwas Abseits vom Straßenrand verrichtet er sein Gebet. Ganz in sich gekehrt scheint er die hupenden Autos und schimpfenden Menschen auf der Straße nicht zu bemerken. Verstohlen beobachte ich ihn, erkenne die vorgeschriebenen Gesten und Gebetshaltungen, die wir im Islamunterricht besprochen haben, und erinnere mich an den Text des Gebets, aber hier am Checkpoint in Nässe und Kälte verstehe ich erst, was wir in der Vorlesung gelernt haben.

Mit meinem europäischen Reisepass darf ich an allen wartenden Autos vorbei flitzen. Viele dramatische Szenen spielen sich hier jeden Tag ab. Wieviel Zeit mit Warten am Checkpoint ein Palästinenser zubringt, oft genug um nach schikanierenden Kontrollen wieder heimgeschickt zu werden, das kann man sich kaum vorstellen.

Als ich in der Geburtskirche ankomme, muss ich erst einmal eine Weile schauen und sortieren, bis ich verstehe, wer zu wem gehört und was jeweils gefeiert wird. Kopten, Syrer und Griechisch-Orthodoxe feiern gleichzeitig Gottesdienste. Im Ostkirchenkundeunterricht haben wir die einzelnen Konfessionen durchgesprochen und waren bei fast allen orthodoxen Bischöfen Jerusalems zu einem Besuch eingeladen gewesen. Deshalb kann ich jetzt die allermeisten Kleriker aufgrund der unterschiedlichen Kleidung zuordnen. An allen Altären wird gefeiert und lautstark gesungen, immer wieder gibt es kleine Prozessionen durch einen Teil der Kirche -ein Fest für alle Sinne. Dann etwas Aufruhr, die Ordner in würdigen Uniformen schaffen durch lautes Klopfen Platz, und aus der Franziskanerkirche nebenan kommen die Katholiken aus ihrem Epiphaniasgottesdienst. In einer langen Prozession ziehen sie durch die Geburtsgrotte, holen dort das Christkind aus der Krippe, ziehen ihm ein goldbesticktes Mäntelchen an, setzen es mit einer Krone auf dem Kopf auf einen kleinen Thron und ziehen in einer feierlichen Prozession zurück in ihre Kirche, während draußen ein Nikolaus mit rotem Mantel und Rauschebart Geschenke an die griechisch-orthodoxen Kinder verteilt.

Da spricht mich ein Palästinenser an. Er ist Fremdenführer, spricht fließend Englisch und Französisch und wartet vergebens auf Touristen, die in früheren Jahren in Scharen zum Weihnachtsfest nach Bethlehem gekommen sind. Obwohl er bald merkt, dass ich keine zahlungskräftige Touristin bin, nimmt er sich Zeit und erklärt mir ein bisschen das bunte gottesdienstliche Treiben. Er erzählt mir von seiner Familie und davon, dass die Arbeitslosigkeit seit der letzten Besetzung Bethlehems noch weiter gestiegen ist. Da merke ich wieder einmal, wie verkorkst die Lage hier ist. Ich komme von Holocaustüberlebenden, die hier eine neue Heimat gefunden haben und mir von ihren Kindern und Enkeln erzählen, die in israelischen Städten und Kibbuzim wohnen, auf dem Hermon Ski fahren und in Computerfirmen in Haifa und Tel Aviv arbeiten, und höre diesem palästinensischen Familienvater zu, der, wie viel arabische Christen in Bethlehem, nur noch in einer Auswanderung ins westliche Ausland eine Zukunftsperspektive sieht.

Nachdenklich radle ich heim nach Jerusalem - da fallen die ersten Schneeflocken in diesem Jahr.