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Bericht zur Kreuzfahrerexkursion (07.02.2011 – 11.02.2011)

Eine eindringliche, wenn auch nicht sehr wissenschaftliche Einführung in die Thematik hatte uns der Film „Königreich der Himmel“ beschert. Für Studenten des Theologischen Studienjahres in Jerusalem hat die Kreuzfahrerzeit nicht nur insofern eine besondere Bedeutung, als sie damit als Christen im Heiligen Land konfrontiert werden. Sie macht uns auch bewusst, dass wir tatsächlich in einer Stadt leben, die den drei monotheistischen Religionen heilig ist, aber gerade deswegen so oft unheilig erscheint. Es ist wohl die Frage des Hauptprotagonisten des Films, die auch uns am Ende bewegt: Was bedeutet Jerusalem?

 

Doch dieser Film war mitnichten die einzige Vorbereitung auf die Kreuzfahrerexkursion. Prof. Dr. Markschies von der Humboldt-Universität in Berlin hielt eine kurze, aber prägnante Vorlesung, bevor es uns wieder nach Galiläa verschlug. Inmitten von Ablass, Bernhard von Clairvaux und der so oft beschrienen mittelalterlichen Armut erschien auf der Frage nach den Ursachen der Kreuzzüge nur eine Antwort wirklich klar zu sein: Die Ursachen waren multikausal. Aber auch diverse Vorträge unsererseits gaben Einblicke in die Komplexität der Thematik.

07. Februar 2011 (Montag)

Der erste Tag der Kreuzfahrerexkursion verlief „ambulant“. Er begann und endete in Jerusalem. Unsere ersten beiden Stationen Ramla und Lydda klingen, als ob es zwei verschiedene Städte wären – in der Tat sind sie eher eine Art Doppelstadt. Eigentlich als arabische Stadt gegründet beherbergt Ramla heute mehr Juden als Araber. Auf dem jüdischen Markt werden die köstlichsten Süßigkeiten und Backwaren, aber auch die schrecklichsten Barbypuppen feilgeboten. Schon zur Zeit der Kreuzfahrer an einem Verkehrsknotenpunkt gelegen war sie von großer strategischer Bedeutung. Drei Schlachten gegen die Fatimiden wurden bei Ramla ausgetragen.

Nach einem vergeblichen Versuch, die große Moschee dort zu besuchen, die eine umgebaute Johannes-Kirche aus der Kreuzfahrerzeit ist, machten wir uns zunächst auf, die Ruinen einer weiteren Moschee zu besichtigen und ganz in deren Nähe in einer unterirdischen Zisterne Boot zu fahren. Als wir zur großen Moschee im Stadtzentrum zurückkehrten, war diese zu unserer Verwunderung immer noch nicht geöffnet und wir durften uns erst einmal im Markt umsehen. Nach einer Stunde hatten wir dann doch noch die Möglichkeit, in die Moschee zu kommen. Beim Verlassen entdeckten wir dann auch, was das Problem gewesen war: Wir hatten am Seiteneingang gestanden, der im Normalfall geschlossen ist.

Auch Lydda war in der Kreuzfahrerzeit an einem Vekehrsknotenpunkt gelegen gewesen und tut dies noch bis heute: Hier, kurz vor Tel Aviv, ist der internationale Flughafen Israels. In Lydda wird als eine Lokaltradition der Heilige Georg, der Drachentöter, verehrt. Übrigens kam die Drachentötererzählung wohl in der Zeit der Kreuzfahrer auf.

Zum Mittagessen führte uns der Weg nach Latrun, wo wir stilecht in einem alten Kreuzfahrergewölbe unser Exkursionsfood verzehrten. Eine kleine Erkundungstour durch die Ruinen der Burg durfte dabei natürlich auch nicht fehlen. Hier im Küstenstreifen konnte sich das Kreuzfahrerheer auch nach dem Fall Jerusalems noch lange halten. Der Name selbst ist wohl eine Ableitung von „Le toron de chevaliers“, der Name eben jener Kreuzfahrerburg hier.

Wenige Kilometer weiter liegt Amwas. Hier verehrten die Kreuzfahrer das biblische Emmaus, das hinlänglich aus der lukanischen Ostererzählung bekannt ist. Es gibt im Land mehrere Emmaus-Traditionen, die sich mittlerweile etabliert haben. Dieser hier würde eigentlich der biblischen Beschreibung ganz gut entsprechen, ist aber statt der nachzulesenden 60 Stadien ungefähr 160 Stadien entfernt. Dafür zeugt auch der heutige arabische Name vielleicht vom antiken Stadtnamen. Übermäßig viel gibt es dort aber nicht mehr zu sehen: Archäologische Überreste einiger Verwaltungsgebäude und einer Kirche, die in der Kreuzfahrerzeit auf älteren Ruinen neu hätte errichtet werden sollen. Dieses Vorhaben wurde aber nie richtig umgesetzt, der Bau nie fertiggestellt. Ein abschließender Besuch in einem Bad aus byzantinischer Zeit wurde nur durch den mittlerweile stark fallenden Regen etwas „verwässert“. Insgesamt hatte die feuchte Jahreszeit aber durchaus etwas Gutes. Vor allem der Küstenstreifen, aber auch das Gebiet um Jerusalem und am See Genezareth war herrlich grün.

08. Februar 2011 (Dienstag)

Unser „Lager“ sollte wie auch auf der Galiläaexkursion wieder Tabgha sein. Aber bis wir dort am Dienstag ankamen, sollten noch einige wichtige Stätten besucht werden. Unser erster Stopp war die Herberge zum barmherzigen Samariter auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Jericho. Hier hat die israelische Antiquitäten-Behörde ein nettes Museum eingerichtet, in dem vor allem antike Mosaiken gezeigt werden. Prof. Dr. Markschies, der uns auf dieser Exkursion begleitete, schaffte es immer wieder beeindruckend plastisch das Leben und Denken der Antike vor unseren Augen erstehen zu lassen, während er die Mosaiken erklärte.

Das Jordantal hinauf brachte uns der Bus bis nach Belvoir. Dies war die imposante Ruine einer Kreuzfahrerburg, nur etwa 20 Kilometer vom See Genezareth entfernt, die einst über dem Jordantal thronte. Seit 1168 lebten dort die Johanniter und errichteten hier eine der mächtigsten Burgen im Heiligen Land. Die Burg ist – gut geschützt – direkt am steilen Abhang errichtet und zusätzlich auf drei Seiten von einem tiefen Graben umgeben. Nach der verheerenden Niederlage des Kreuzfahrerheeres bei den Hörnern von Hattin 1187 konnte Salah ad-Din die Burg erst nach 18 Monaten der Belagerung einnehmen. Am 05. Januar 1189 musste Belvoir aufgegeben werden und die christlichen Truppen zogen nach Tyrus ab. Knapp 20 Jahre später wurde die Burg schließlich von den Muslimen aus Angst vor einer Rückkehr der Kreuzfahrer geschleift.

Direkt am Ufer des See Genezareth liegt Hamat Tiberias. Die heißen Quellen dort machten den Ort schon immer attraktiv. In der Antike befand sich hier ein jüdisches Dorf, denn Tiberias war für Juden eher eine no-go-area gewesen, da es teils auf älteren Friedhöfen errichtet war und deshalb gegen die Reinheitsgebote verstieß. Wir besichtigten dort die Synagoge, genauer gesagt die verschiedenen Schichten der Ruinen, die noch zu sehen sind. Mit Kreuzfahrern hatte das aber nichts zu tun.

Von Hamat Tiberias bestiegen wir dann in einer kurzen Wanderung den Berg zwischen Hamat Tiberias und Tiberias. Oben finden sich die Ruinen der sogenannten Ankerkirche. Sie heißt deshalb so, weil das Fundament für den Altar ein Stein bildete, der die Form eines durchbohrten angespitzten Keils und damit eines antiken Ankers hatte.

Der Bus, der uns eigentlich oben hätte abholen sollen, blieb in einer matschigen Kurve hängen und rutschte in den Graben. Im Gegensatz zu Deutschland, wo in solchen Fällen zum einen Werkzeug im Bus ist, zum anderen auch schnell mal ein Abschleppwagen mit sachkundigen Mechanikern zur Hilfe ist, dauerte es hier erst einmal eine Stunde, bis der erste Abschleppwagen eintraf. Anstatt aber auf unsere Warnungen einzugehen und nicht am Bus vorbeizufahren, rammte dieser den Bus beinahe noch tiefer in den Graben, als er ebenfalls neben dem Bus ins rutschen kam. Also hieß es, einen weiteren Abschleppwagen anzurufen. Diesem gelang es dann, den Bus ein Stück den Hang hinab zu ziehen, so dass der andere Abschleppwagen gefahrlos nach vorne wegfahren konnte. In der Folge wurde mal vorne, mal hinten am Bus gezogen. Höhepunkt der Aktion war dann, dass sich die beiden Abschleppwägen aneinanderhängten und dann am Bus zogen. Nach über dreistündigem Hin- und Hergezerre mit Seilwinden an Stoßstange und Radaufhängung (!) gelang es dann doch noch, den Bus wieder frei zu bekommen. Mittlerweile war die Nacht hereingebrochen und wir nur noch froh, nach kurzer Fahrt doch noch in Tabgha anzukommen.

09. Februar 2011 (Mittwoch)

Erste Station des Tages war die Synagoge von Bar’am. Dort lernten wir etwas über die Art und Weise, wie antike Synagogen gebaut wurden: mit Steinen aus einer Art „Katalog“. Jedenfalls wurden die Profilleisten, die hier verbaut sind, in einem nahen Tempel ganz ähnlich gefunden.

Auch das Araberdorf dort auf dem Hang oder das, was davon noch übrig ist, besuchten wir und hörten, wie die Israelis dort im Krieg 1948 die Araber durch eine List vertrieben und nicht wieder zurückkehren ließen. Außerdem standen zwei Burgen auf dem Programm. Beide spiegeln unterschiedliche Wahrnehmungen der Kreuzfahrerzeit wider. Da wäre zunächst Judein im heutigen Kibbuz Yehiam. Auf den römischen und byzantinischen Vorgängerbauten errichteten die Kreuzfahrer eine Burg, die vielmehr eine befestigte Farm war. Seit 1208 ging vor allem der Deutsche Orden hier auf der Burg der schweißtreibenden landwirtschaftlichen Arbeit nach. Der Kreuzfahreralltag war wohl alles andere als gemütlich. Hinzu kamen noch die ständigen Angriffe von muslimischer Seite. 1265 wurde die Burg schließlich von Sultan Baibars erobert und zerstört. Um 1738 wurde das Gerippe der Burg von einem beduinischen Scheich wieder ausgebaut und zu neuem Leben erweckt. Wir fuhren weiter bis ans Mittelmeer, genauer gesagt nach Rosh Haniqra, das genau an der Grenze zum Libanon liegt. Hier kann man mit einer Seilbahn über die Klippen hinab fahren und dort zum einen den Tunnel besichtigen, durch den in osmanischer Zeit der Zug von der Türkei bis nach Arabien fahren konnte. Zum anderen gibt es in diesen herrlichen Kreidefelsen auch Grotten auf Höhe des Meeresspiegels. Beeindruckend natürlich auch die lange Bojenkette, die hier im Meer die Grenze zum Libanon markiert.

In unseren Köpfen schwirren Bilder von romantischen Burgen in grünen Wäldern, auf denen edle Ritter um die Gunst der Burgfräulein buhlen und intrigante Kirchenmänner gegen senile Könige agieren, betrunkenes Fußvolk rauschende Feste feiert und Mönche in der Kapelle die Horen beten. Und natürlich bedient Israel auch diese Vorurteile und präsentiert uns die Burg Montfort. In den Bergen Galiläas liegt die Burg auf einem Felssporn nur wenige Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt. Montfort wurde vermutlich ebenfalls vom Deutschen Orden errichtet, höchstwahrscheinlich mit der Unterstützung deutscher Kreuzfahrer, die der Burg den Namen „Starkenburg“ gaben. 1230 wurde für den Bau von Papst Gregor IX. ein Ablass verfügt, der die Fertigstellung der Burg bis 1240 beschleunigte. Schon oben erwähnter Sultan Baibars konnte 1266 Montfort noch nicht einnehmen, erst 1271 kapitulierte die Burgbesatzung nach fünfzehntägigem Katapultbeschuss und zog nach Akko ab. Das einstige Märchenschloss und Zentrum des Deutschen Ordens wurde verwüstet.

10. Februar 2011 (Donnerstag)

Wer sich auf den Kreuzzug begibt, nicht nur um die Heiligen Stätten von den Ungläubigen zu befreien, sondern auch um Vergebung für seine Sünden zu erlangen, der kann was erleben. Vor allem bittere Niederlagen. Das gestern vorgestellte Märchenschloss und das vom gleichnamigen Kinofilm so poetisch ausgemalte Königreich der Himmel entpuppt sich schnell als ein Hirngespinst. So zum Beispiel in Safed. 1102 errichteten hier die Kreuzfahrer eine Burg, die von Saladin am 06. Dezember 1188 eingenommen wurde. Der Templerorden konnte 1240 die Burg nochmals erneuern, bevor sie schließlich 1266 endgültig in die Hand von Muslimen fiel. Daneben ist Safed ein wichtiges Zentrum jüdischer Kultur gewesen und ist es bis heute. Wir besuchten das Künstlerviertel und auch einige Synagogen.

Zurück am See Genezareth konnten wir jetzt doch noch eine Führung in Magdala bekommen. Das war ja eigentlich schon für die Galiläaexkursion geplant gewesen, dort aber nichts geworden. Jetzt wurden wir vom franziskanischen Ausgräber durch die Archäologische Stätte geführt und sahen so, dass diese Stadt eine der wichtigsten am See Genezareth zur Zeit Jesu gewesen sein muss. Jedenfalls hatte sie als einzige einen mit Stein ausgelegten Hafen. An der Mole lässt sich heute noch das Niveau des Sees zur Zeit Jesu erkennen.

Nach dem Mittagessen in Nov Ginnosar besuchten wir das Museum dort. Gezeigt wird ein acht Meter langes – eher ärmliches – Fischerboot aus der Zeit Jesu, das in einem sehr trockenen Sommer im Uferschlamm des Sees entdeckt worden ist. Spannend, sich vorzustellen, dass Jesus in einem solchen Schiffchen mit seinen Jüngern über den See fuhr.

Die Niederlage schlechthin, die sich in das kollektive Gedächtnis der Kreuzfahrer brannte, ist die Schlacht bei den Hörnern von Hattin. Sie liegen wenige Kilometer vom See Genezareth enfernt und sind zwei ehemalige Vulkankegel, die eine Hochebene abschließen, über die das Kreuzfahrerheer 1187 nach Tiberias ziehen wollte, um es von der Belagerung durch Salah ad-Din zu befreien. Dass das eine Falle war, sagten die Militärberater dem König Guy zwar, er wollte aber offensichtlich nicht darauf hören. Noch auf dem Feld wurde das Kreuzfahrerheer von Salah ad-Din gestellt und immer weiter auf die unwegsamen Hörner getrieben. Von dort entkamen nur noch wenige lebend. Auf diesem Schlachtfeld ging das Heilige Kreuz verloren; die dem Heer vorangetragene Kreuzesreliquie war in die Hände der Muslime gefallen.   

Am 07. Oktober 1187 fiel schließlich auch Jerusalem. Diese furchtbare Nachricht löste in Europa schließlich den Dritten Kreuzzug unter Philipp II. August, Richard Löwenherz und Friedrich Barbarossa aus. Wir bestiegen die beiden Hörner und genossen den friedlichen Blick auf den See und den Sonnenuntergang.

11. Februar 2011 (Freitag)

Akko, im Mittelalter der einzige Hafen an der Küste des Heiligen Landes und deshalb von besonderer Bedeutung, war ab etwa 1244 die letzte Bastion der Kreuzfahrer. Nachdem Balduin I. sie 1104 eingenommen hatte, wurde die Stadt zu einem der Zentren der Kreuzritter im Heiligen Land. Nach dem Fall Jerusalems 1187 wurde Akko sogar Hauptstadt des Königreichs Jerusalem. Mit der muslimischen Eroberung Akkos am 18. Mai 1291 endet die Geschichte der Kreuzfahrer im Heiligen Land.

In eben jener Stadt befindet sich das Hauptheiligtum einer Religion, von der viele sicherlich noch nichts gehört haben: die Bahai. Deren Religionsstifter plädierte dafür, die verschiedenen Propheten von Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus, Zoroastismus etc. seien jeweils in ihre Zeit von Gott geschickt worden. Jetzt sei er gekommen, um den Menschen eine Botschaft des Friedens und der gegenseitigen Anerkennung zu bringen. Nachdem er Ende des letzten Jahrhunderts starb, errichteten ihm seine Anhänger einen prächtigen Garten um seinen Schrein in Akko, den wir am Freitagmorgen besuchten.

Nachmittags hatten wir zunächst Zeit zur freien Erkundung der Altstadt von Akko. Im Anschluss durfte natürlich auch eine Führung durch die berühmte Kreuzfahrerzitadelle und den Kreuzfahrertunnel nicht fehlen.



Die Kreuzfahrerexkursion hatte nicht Jerusalem zum geografischen Dreh- und Angelpunkt gehabt, aber wo immer wir hinkamen, wurden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass Jerusalem eine wichtige, wenn nicht gar die Rolle schlechthin spielte. War Jerusalem zu der Zeit von Christen besetzt oder von Muslimen erobert gewesen? Welche Partei gerade verloren oder gewonnen hatte, wo das Zentrum der jeweiligen Reiche in der Region Palästina lag, hing von der Frage ab, wie es um Jerusalem stand. Viel hatten wir über die Kreuzfahrerzeit erfahren, einiges war sehr lebendig vor unseren Augen auferstanden – und nun kamen wir Freitagabend in Jerusalem an und konnten nur grübeln, ob es eine Antwort auf die Frage „Was bedeutet Jerusalem?“ gab. Vielleicht sollten wir es wie Salah ad-Din halten – im Film erwidert er: „Nichts.“ Entfernt sich. Dreht sich um. „Alles.“


Katharina Felsner