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Die Galiläa-Exkursion – 08.–19.11.2010

Viele werden diesen Bericht lesen und dabei ihre eigene Galiläa-Exkursion im Hinterkopf haben. Viele werden ihn aber auch lesen und zum ersten Mal erfahren, was es heißt, auf Galiläa-Exkursion zu sein.

Auf Galiläa-Exkursion zu sein, das heißt … innerhalb von zwölf Tagen 27 archäologisch oder aus irgendeinem anderen Grund bedeutsame Stätten zu besuchen. Wenn man dann noch bedenkt, dass drei dieser zwölf Tage frei von geplanten Ausflügen sind, dann kommt man mit wenig Mathematik auf unser Tagesprogramm, das zirka drei Besichtigungen und ebensoviele Mahlzeiten enthielt. Geschlafen wurde nachts. :o)

 

Modell des Theaters von Beth Shean

Wir reisten am Montag, dem 08.11., von Jerusalem nach Tabgha, zu dem Ort, an dem der Brotsvermehrung gedacht wird. Auf dem Weg dorthin hielten wir in Bet Shean, Bet Alpha und Tiberias an. Das Beeindruckendste war das Theater in Bet Shean, das durch seinen einwandfreien Sound überzeugte. Aber viel wichtiger war die erste Begegnung des Studienjahrs mit einem Tell. Und dies ist zu merken:

Ein Tell ist ein durch zahlreiche übereinanderliegende Siedlungsschichten entstandener künstlicher Kulturschutthügel.

Oder anders erklärt: Man stelle sich einen Schneewittchenkuchen vor, auch Donauwelle genannt. Er besteht aus verschiedenen Schichten, die unterste ist selbstverständlich die älteste. Irgendwann im Laufe des Backprozesses wurde der weiße Teig ausgebreitet, auf einem Tell ist das wahrscheinlich eine Siedlung in der Bronze- oder sogar Steinzeit. Später kam der dunkle Teig hinzu, die nächste Schicht baute sich auf der alten auf, eine Siedlung der Eisenzeit entstand. Es ist aber nicht immer so simpel: Genau wie sich die Kirschen im Kuchen sowohl im oberen als auch im unteren Teil des Teiges ausbreiten, so können auch im Tell verschiedene Schichten in andere hineinragen. Es ist nicht alles so glatt wie ausgegossener Kuchenteig.

Letzten Endes ist der Tell aber im Laufe der Zeit von Erde und Steinen bedeckt worden, er hat eine Decke wie die Schokoladenoverture des Kuchens, die erst abgetragen werden muss, bevor man Teig und Kirschen sieht (eine Alternative besteht beim Tell – ebenso wie beim Kuchen – darin, sich von der Seite heranzutasten; so sind die meisten Schichten schnell ersichtlich. Aber es sei nicht vergessen, dass es sein kann, dass man manches nicht sieht – z.B. Kirschen.)

Ja, das ist ein Tell. Und er sollte wie andere Dinge auch sehr wichtig für das Studienjahr werden.

 

Synagoge in Kapharnaum

Am Dienstag besuchten wir: das Wadi Hamam, Arbel, Kursi und Hippos. Und: Kapharnaum! Diese Stadt bezeichnet sich nicht nur als eigensten Heimatort Jesu, sondern hat auch das Wohnhaus des Petrus zu bieten, das man in der Franziskanerkirche durch eine Glasplatte hindurch sehen kann. Im Wadi Hamam gab es wieder eine erste Begegnung: mit einer Synagoge aus römischer Zeit.

Eine Synagoge ist ein jüdisches Gebetshaus. Nicht nur in heutiger Zeit, sondern schon zur Zeit Jesu.

Überbleibsel jahrtausendealter Synagogen sind, zugegeben, oftmals nicht besonders reizvoll anzuschauen, aber sie geben eine Menge Aufschluss – über Kulturelles, Künstlerisches und Religiöses. So stellt sich zum Beispiel auch die Frage, wie es mit der Geschlechtertrennung damals war – eigene Sitzräume für die Frauen sind häufig nicht zu identifizieren. Oder die Frage des Bilderverbots, wenn man eine reich verzierte Säule aus hellenistischer Zeit betrachtet. Aus diesem Grund wuchs auch die Synagoge – genau wie der Tell – dem Studienjahr ans Herz.

 

Am Mittwoch besichtigten wir: Omrit, Banyas, Caesarea Philippi, Nimrod und Har Bental. Nicht-Theologen werden die meisten Orte nicht viel sagen. Und doch spiegeln sie die Mischung der Besichtigungsstätten der Galiläa-Exkursion wider, die auch immer ein Wandern durch die Zeit war. Omrit – ein drusisches Heiligtum (die Drusen sind eine Abspaltung des Islam); Banyas – eine der drei Jordanquellen, an dem seit hellenistischer Zeit der heidnische Gott Pan veehrt wurde; Caesarea Philippi – Stadt mit Palast, von Philippus, einem Sohn und Erben Herodes des Großen, errichtet; Nimrod, mutmaßliche Kreuzfahrerburg; Har Bental – ein strategisch wichtiger Punkt im 6-Tage- und Jom-Kippur-Krieg, an dem Feuergefechte zwischen den Israelis und den Syrern stattfanden.

Dies ist bezeichnend für diese eigentlich genuin archäologische Exkursion, dass man anhand von Ausgrabungen, Ausgrabungsschildern, dem Umgang mit Ausgrabungen und der Publicity derselben am heutigen Zeitgeist, der Zeitgeschichte nicht vorbeisehen kann. Und wenn es nur dadurch geschieht, dass auf dem Weg nach Har Bental kleine Hinweisschilder den Straßenrand zieren, die einen vor Minen warnen.

Zur Auflockerung: In Banyas fanden sich Schilder, die – legte man sie auf den ersten Blick aus – einem das Laufen übers Wasser verboten.

 

Am Donnerstag besuchten wir: Chorazim, Gamla und Qatzrin. Chorazim hatte eine Synagoge zu bieten; was dies uns Studenten bedeutete, ist inzwischen bekannt.

Am interessantesten jedoch war Gamla, die historische Stätte einer Schlacht, die bei Flavius Josephus beschrieben wird. Flavius Josephus? Ach ja, richtig:

Flavius Josephus war – natürlich nur während der Exkursionen – unsere Bibel. Es gibt kaum einen anderen Zeugen der hellenistisch-römischen Zeit, der alle Ereignisse, die damals in Israel stattfanden, so ausführlich beschrieben hätte. Auch wenn man aus Realitätsgründen seine Zahlenangaben durch 3 teilen sollte, so führt kein Weg an ihm als Literarquelle vorbei.

Wo die Archäologen sich entscheiden zu graben, das ist meist in Flavius Josephus’ Ortsbeschreibungen begründet. Grundsätzlich aber sollte man zwischen Geschichtswissenschaft, die auf Geschichtsschreibung beruht, und der Archäologie unterscheiden. Wiederum etwas anderes war unsere Aktion in Gamla: In verschiedenen Gruppen wurde ein Josepho-Drama aufgeführt, zum Teil mit tragisch eingebauten Liebesgeschichten. Vielleicht performativer Geschichtsunterricht?

 

Am Freitag sahen wir uns Sepphoris und Yodefat an. Sepphoris bietet einzigartige Fußbogenmosaike in einer teils noch beeindruckenden Qualität (180 Mosaiksteinchen pro Quadratdezimeter).

Mosaike sind ein typischer Bestandteil hellenistischer Kunst und finden sich in zahlreichen (luxuriös ausgestatteten) Gebäuden, vor allem als Fußböden. Mosaike werden aus naturfarbenen Steinen zusammengesetzt und haben daher eine lange Haltbarkeit, sowohl in ihrer Gesamtheit als auch in ihrer Qualität.

Sepphoris als eine der Hauptbegegnungsstätten zwischen Judentum und Christentum bot sogleich eine seltsame Kombination: ein Fußbodenmosaik mit so eindrücklichen bildlichen Darstellungen wie den Tierkreiszeichen oder Amazonen, die sich eine Brust amputiert hatten, um besser bogenschießen zu können, – in einer Synagoge.

 

Der Samstag war der zweite Samstag im November – und somit der Tag, an dem das traditionelle Brotvermehrungsfest von Tabgha stattfand. Der Weihbischof von Nazareth zelebrierte im Gottesdienst, dessen Besucher vor allem arabische Christen waren. Im Anschluss gab es gesegnetes Brot für alle, außerdem arabische Musik und Tanz auf dem Gelände.Die folgenden Tage (geistlicher Tag am See und der freie Tag) geben Anlass dazu, etwas zu unserer Bleibe zu schreiben. Tabgha war ein bezaubernder Ort am See Genezareth mit einem grünen Garten, durch den ein Fluss lief, Brücken boten die Möglichkeit, ihn zu überqueren; ansonsten konnte man in ihm auch schwimmen. Wir schliefen im Beit Noah, vor dessen Eingang Tische und Bänke unter einer Überdachung standen. Die Abende wurden in der Regel gemeinsam verbracht – mal wurde hier ein Geburtstag gefeiert, dort ein Grillabend angesetzt und irgendwie brachte man auch einen Laternenumzug zustande.

Im Gegensatz zum geschäftigen Jerusalem schuf Tabgha Ruhe, nicht nur, aber vor allem am geistlichen Tag am See. In der Bibel wird der See Genezareth, auch der See Tiberias oder Kinneret genannt, recht häufig erwähnt, viele Traditionen verorten sich an seinen Ufern. Der See mag im Laufe der Zeit geschrumpft sein, doch wird an ihm zu sitzen und das stille Wasser zu beobachten wohl immer einen besonderen Impuls setzen.

 

Am Dienstag wurde die Galiläa-Exkursion dann fortgesetzt: Wir gingen nach Nazareth und auf den Berg Tabor. In Nazareth hießen uns die Kleinen Brüder von Charles de Foucauld willkommen. Die Kleinen Brüder und ihr Pendant die Kleinen Schwestern sind ein bewundernswerter Orden, der sich direkt unter die Menschen begibt, die sie brauchen. So war auch die Inschrift an der Verkündigungskirche noch tiefer zu verstehen: Das Wort ist Fleisch geworden. Auch Gott kam direkt zu den Menschen, die ihn brauchten.

 

Das Kammertor aus Lehmziegeln auf Tel Dan

Am Mittwoch besuchten wir: Hazor, Tell Dan und Betsaida. Weiter oben wurde schon einmal gesagt, dass man an den Ausgrabungen auch Zeitgeist festmachen kann. Wenn nun manche Siedlungen, so zum Beispiel Hazor, unbedingt mit Salomon in Verbindung gebracht werden sollen, ist das solch ein Fall. Die heutige Datierung spricht zwar dagegen, dass Salomo diese Stadt erbaut hat, aber gerne wird es dennoch geglaubt und vertreten. Einen weiteren Platz im Herzen der Studenten hatte erobert: das Kammertor!

Ein Kammertor hat die Form eines um 90 Grad gekippten breiten Buchstabens H. Im Falle des H hätte es vier Kammern, es kann aber auch sechs oder nur zwei haben.

Wozu die Kammern genau gedacht waren, ist nicht sicher, vermutlich wurden in ihnen Handel getrieben, Verträge abgeschlossen und Neuigkeiten ausgetauscht.

 

Die Ställe Salomos samt Pferden!

Am Donnerstag konnte man bei warmen Temperaturen und blauem Himmel die Aussicht genießen, die auch die Kämpfer der endzeitlichen Schlacht haben würden. Ja, wir besichtigten Megiddo, das von – so scheint es – keiner vorüberziehenden Armee ausgelassen worden war, weswegen man eben erwähnte Schlacht an den Har Mageddon, an den Berg von Megiddo, legte. Daraus wurde Armageddon.

In Megiddo gibt es einen 5000 Jahre alten Opferaltar, ein 3000 Jahre altes Getreidesilo, ein ebenso altes Wassersystem und – nicht zu vergessen – die sogenannten Ställe Salomons (schön mit Pferdestandbildern aufbereitet), die vermutlich weder von Salomon erbaut noch jemals Pferdeställe gewesen sind, aber auch dies lässt sich wunderbar in das einreihen, was zu diesem Thema schon gesagt worden ist.

Außerdem waren wir noch in Dor und besuchten das dortige Museum, in dem es unter anderem viel Keramik zu bewundern gab. Und dies sollte man wissen:

Keramik ist wichtig, immens wichtig in der Archäologie. Man kann sie datieren und man findet sie an nahezu jeder Ausgrabungsstelle. Dank ihr kann man nicht nur das Alter von Siedlungen, sondern auch Dinge wie Handelsbeziehungen feststellen.

Zugegeben, ein weiteres Ereignis stellte an diesem Tag alles Vorangegangene in den Schatten: Baden im Mittelmeer! Es war einmal im November, da badeten 22 junge deutsche Studenten im Mittelmeer, wie es ihre Freunde und Verwandten in Deutschland sich nur erträumen konnten. Sie verließen Dor mit guten Erinnerungen und der Aussicht auf eine baldige Wiederholung: Am nächsten Tag würde es nach Caesarea Maritima gehen, der wichtigsten Hafenstadt zur Zeit Herodes des Großen. Auch sie hatte einen Strand am Mittelmeer.

 

Doch vorher wurde am Freitag noch ein anderer Ort besichtigt: Bet Shearim, an dem sich die bedeutendste Nekropole Israels befindet. Als die Römer 70 n. Chr. die Juden aus Jerusalem vertrieben hatten, ließen sich hier wichtige religiöse Führer und Rabbis nieder – manche für immer.

Caesarea Maritima hatte Herodes der Große innerhalb von ca. einer Dekade aus dem Boden gestampft, eine heidnische Stadt im jüdischen Königreich, ausgestattet mit einem Palast direkt am Meer, Hippodrom, Theater und Tempeln. Unmengen an Geld muss dieses Bauprojekt verschlungen haben, aber wir verübelten es Herodes durchaus nicht – er gab uns einen Ort am Mittelmeer mit Strand, den es sich lohnte zu besuchen, archäologisch und – ja – auch badetechnisch.

Einige Dinge blieben bis jetzt leider unerwähnt, natürlich könnte man viel mehr über die Galiläa-Exkursion berichten: So hatte man noch nicht Mikwen und unseren Bus Sindbad erwähnt.

Eine Mikwe ist ein jüdisches Ritualbad, dass sich ähnlich wie Ölpressen in fast jeder jüdischen Siedlung finden lässt. Übrigens werden Mikwen heute noch gebraucht.

Und:

Sindbad ist unser Bus, der uns von einer wichtigen Stätte zur nächsten getragen hat. Mutig und unerschrocken, der kleine. Auch für dich gilt: You’ll be in our heart!

Nun sollte jeder wissen, was es heißt, auf Galiläa-Exkursion zu sein. Eine Region, in der sich die Spuren des alten Israels, Jesu und der heutigen Zeit überlagern, gegenseitig beeinflussen oder unvermittelt nebeneinanderstehen, zu besuchen, nichts Geringeres heißt das. Zwischen der Ruhe des Sees und der Hektik der von Touristen bevölkerten Pilgerstätten haben wir uns bewegt – mit nicht mehr bewaffnet als Stift, Taschenlampe und einem wachen Verstand, wohl geleitet von versierten Professoren, eigenen Kommilitonen und einer Studienleitung, die diese Exkursion sorgfältig geplant hatte.

 

Blick von Har Bental in Richtung Quneintra, Syrien