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Blick auf den Wawel, die ehemalige Residenz der polnischen Könige in Krakau

Forum Studienjahr Goes East!

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Anlässlich der Ausschreibung des Osteuropa-Stipendiums der Ökumenischen Stiftung Jerusalem wandte sich die diesjährige Forumsexkursion nach Krakau, dem einstigen Sitz der polnischen Könige. Von Julia Lis und Christiane Schneider organisiert, wurde uns 24 neugierigen Studienjährlern in wenigen Tagen ein facettenreicher Einblick in Krakaus Geschichte und Gegenwart ermöglicht. Noch einmal ein herzliches Dankeschön!

Eines der bestimmendsten Merkmale polnischer Geschichte ist sicherlich der Umfang, in dem die jüdische Kultur bis zum Zweiten Weltkrieg das Stadtleben Krakaus und die polnische Identität allgemein prägten. Da der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung vor dem Krieg ca. 30% betrug und jene sich vorrangig auf die Städte konzentrierten, stellten Juden oftmals einen beträchtlichen, wenn nicht gar mehrheitlichen Teil der Stadtbevölkerung dar. Es lag somit nahe, Krakau in zwei Anläufen zu erkunden. So standen dementsprechend zwei Stadtführungen auf dem Programm: Nach einer allgemeinen Führung durch die Altstadt Krakaus, bei der uns unser Guide die bekannten und weniger bekannten Kleinode der Stadt präsentierte, starteten wir am Nachmittag zu einem Rundgang durch das jüdische Viertel der Stadt, Kazimierz. Ehemals Wohnort etwa eines Drittels der gesamten Stadtbevölkerung, wurde es nach dem Kriege und während der Zeit des Sozialismus zunehmend dem Verfall preisgegeben. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten wurde es – auch und gerade von der eigenen Bevölkerung – wiederentdeckt, neu belebt und saniert. Die heutige Popularität des Viertels gründet nicht zuletzt darin, dass Teile von Kazimierz als Kulisse für Spielbergs Film "Schindlers Liste" gedient haben.

Zwischen diesen beiden Führungen stand ein Besuch im Zentrum für jüdische Kultur, in dem wir ein aufschlussreiches Gespräch über die Ziele und Herausforderungen der Gedächtnis- und Kulturarbeit an diesem Ort führten. Wie schwierig diese im Einzelnen ist, verdeutlicht eine kurze Bestandsaufnahme: Derzeit leben noch ca. 150 Juden in Krakau. Die Veranstaltungen des Zentrums für jüdische Kultur werden gleichwohl vorrangig von Nichtjuden besucht. Das Zentrum legt Wert auf den "informativ- konservatorischen" Teil seiner Arbeit – es ist ein Zentrum für jüdische Kultur, kein jüdisches Kulturzentrum. Es möchte vorrangig die Erinnerung an die jüdische Identität innerhalb der eigenen polnischen Kultur wach halten und mit der jüdischen Kultur bekanntmachen, nicht aber selbst jüdische Kultur formen. Eine der Herausforderungen heutiger polnischer Geschichtsbewältigung liegt in dem Ausmaß, in dem einerseits die eigene nationale Identität durch jüdische Kultur und Gedankengut geprägt ist, und in dem andererseits diese Tatsache in den letzten 60 Jahren ignoriert, vergessen und verdrängt wurde.

Eine Beschäftigung mit der Geschichte Polens ist ohne eine Thematisierung der Schoa schwer vorstellbar. So besuchten auch wir am zweiten Tag der Exkursion Auschwitz und Birkenau; für einige von uns der erste Besuch der dortigen Lager. Nach der Führung durch die Gedenkstätte hatten wir Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch mit Dr. Manfred Deselaers vom naheliegenden "Zentrum für Dialog und Gebet" Oświęcim. Eine von Regina Wildgruber und Egbert Ballhorn vorbereitete ökumenische Vesper beschloss diesen Tag.

Eine weitere Thematik, die uns während der Exkursion begleitete, stand unter dem Titel "Kirche und Kommunismus". Dazu machte uns Julia Lis auf dem Weg nach Auschwitz in einer ausführlichen Führung mit der Kirche "Arka Pana" der sozialistischen Musterstadt Nova Huta vertraut. Diese Kirche wurde in den 70er Jahren gegen den Widerstand des Regimes von der Bevölkerung durchgesetzt und erbaut. Im Jahre 1977 konnte sie vom späteren Papst, dem damaligen Krakauer Erzbischof Karol Wojtyła, eingeweiht werden. Auch am nächsten Tag, dem letzten der Exkursion, stand dieses Thema erneut im Mittelpunkt. Wir besuchten die älteste und kunsthistorisch bedeutendste Benediktinerabtei Polens, Tyniec. Nach der Möglichkeit des Messbesuches wurden uns von einem der Mönche das Kloster und seine Geschichte vorgestellt, wobei auch hier die Geschicke des Klosters während der Zeit des Kommunismus einen wichtigen Schwerpunkt darstellten.