zur Bewerbung

Ein nicht ganz gewöhnliches Studienjahr

 von Br. Robert Sandrock OSB (Studienjahr 1990/91)

 

(Zwar mit der Absicht, etwas Werbung zu machen, aber nicht geschönt)


April 1990

Auswahlgespräch beim DAAD. Zwei Monate habe ich intensiv gelernt, Islamkunde, Judaistik, Altes und Neues Testament, Griechisch und Hebräisch. Über das Judentum und den Islam habe ich dabei mehr erfahren, als ich sonst im ganzen Theologiestudium erfahren würde. Wenn ich durchfalle, wird sich das in jedem Fall gelohnt haben - aber trotzdem ist die Aussicht auf diese Möglichkeit im Moment entsetzlich. Noch am Abend des Auswahlgespräches aber die befreiende Nachricht: Es hat geklappt. Tagelange Euphorie.

August 1990

Ankunft in Israel. Noch eine Woche vorher war ich in Bergen-Belsen, Gräber über Gräber, übriggeblieben vom Versuch unserer Großelterngeneration, die Juden zu vernichten. Vor diesem Hintergrund bin ich tief bewegt, jetzt in einem jüdischen Land zu sein, das den siegreichen Überlebenswillen symbolisiert.
Auf der Straße kommen wir zufällig ins Gespräch mit einem alten Juden, der aus Rumänien fliehen musste und sich freut, wieder einmal Deutsch sprechen zu können. Seine Erinnerung an den Krieg: "Krieg ist schlimm - so wie jetzt wieder." Wir sind überrascht, wieso "jetzt wieder" Krieg sein soll, denn wir haben noch nicht die Nachricht gehört, dass der Irak Kuwait überfallen hat.

September 1990

Reise in den Sinai. Die ersten Wochen des Studiums liegen hinter uns. Die Gruppe hat sich abgetastet, die ersten Professoren sind schon mit ihren Vorlesungen fertig (was ich gerade bei Prof. Brox, Alte Kirchengeschichte, sehr bedaure). 10 Tage Tour durch die Wüste, mit Auto und oft zu Fuß. Drei Tage lang sehen wir außer unserem beduinischen Führer keine anderen Menschen. Dann der Kulturschock: Vor Sonnenaufgang steigen wir auf den Mosesberg und stellen fest, dass dort oben halb Europa versammelt ist.

Herbst 1990

Es wird auch in Jerusalem kühler, auf den Zimmern manchmal unangenehm kühl, da die Heizung noch ausgeschaltet ist. Die Kohelet-Vorlesung von Ludger Schwienhorst-Schönberger motiviert uns, nachmittags noch freiwillig den hebräischen Text zu übersetzen. Prof. Hofius löst mit seiner Vorlesung über den Galaterbrief endlose Diskussionen bei Tisch, auf der Dachterasse und in der "Oase" aus. Wo sonst kann mit einem Prof endlos darüber streiten, ob es denn nun wegen der Anhypostasie der menschlichen Natur Christi notwendig sei, dass Maria biologisch Jungfrau war? Besondere Spezialitäten für mich sind die orthodoxen Samstagsvespern im Russian Compound.

Wir fühlen uns in unserer deutschen Gruppe manchmal wie auf einer Insel, da wir nicht wirklich mit den Menschen dieses Landes mitleben. Die politische Situation kommt zu uns durch Vorträge von extremistischen und friedensbewegten Israelis. Für die palästinensische Seite kommt Sumaya Farhat-Nasser. Zunehmend mehr aber auch durch besorgte Telefonate unserer Eltern. In Deutschland muss der Eindruck bestehen, dass wir uns in einer brennenden Stadt und in unmittelbarer Lebensgefahr befinden. Die Amerikaner verstärken ihre Truppen in Saudi-Arabien.

Weihnachtsferien 1990/91

Zu sechst nutzen wir die freie Zeit für eine Ägyptenreise. Wir fühlen uns durch Referate und "Emma", den Ägyptenführer von Emma Brunner-Traut perfekt vorbereitet. Als wir in der Schlange vor der Kasse der Königsgräber in Theben von einem Badetouristen aus Österreich gefragt werden, was man denn hier eigentlich sehen könne, genießen wir die Arroganz der Gelehrten.

Als wir recht erschöpft zurückkommen, steht am selben Abend eine Versammlung des Studienjahres an. Die Mehrheit stimmt für die Abreise. Als wir später in Wien die Fernsehbilder der ausgestorbenen Straßen Jerusalems sehen, zweifeln wir nicht mehr daran, dass die Entscheidung richtig war. Studiendekan P. Laurentius organisiert sofort unsere Unterkunft in der Abtei St. Matthias in Trier und auch gleich die erste wissenschaftliche Exkursion nach Würzburg.

Januar 1991

In Trier nimmt uns die Pilgerherberge "Roter Igel" provisorisch auf. Wir erfahren bald, warum sie im Winter immer frei ist, und taufen sie in "Kalter Igel" um. Wir halten eine Gebetsnacht für den Frieden und sehen dann im Fernsehen den Start der Flugzeuge zum Golfkrieg. Die Bilder der Opfer bekommen wir nicht zu sehen.

Februar 1991

Und plötzlich finden wir uns in Wien wieder, wo die Mönche der Schottenabtei uns großzügig Asyl gewähren. Die Professoren, die sonst aus Deutschland nach Jerusalem gekommen wären, kommen zu uns nach Wien, und das Semester geht geordnet zu Ende.

März 1991

Zeit zum Abschied. Traurig.

September 1991

Erstes Treffen des Studienjahres. Wir treffen uns von nun an zweimal im Jahr. Natürlich kommen nie alle, aber ich bedaure nie, mir die Zeit für das Wiedersehen genommen zu haben.

Oktober 1997

Das Studium ist seit zwei Jahren abgeschlossen, ich bin nun Referendar und stehe vor dem Zweiten Staatsexamen. Was hat mir das Studienjahr aus diesem Blickwinkel gebracht? Im täglichen Unterricht setze ich nicht besonders viel von dem dort Gelernten ein, aber die Kontakte mit vielen der KommilitonInnen sind geblieben, die Liebe zur hebräischen Bibel ist geblieben, die kritische Liebe zum Islam, und viele wunderbare Erinnerungen. Was darüber hinaus geblieben ist für meine persönliche und theologische Entwicklung, ist schwer zu benennen, aber ich bin ziemlich sicher, dass es eine Menge ist.