zur Bewerbung

Benedikts spirituelle Reise durch Ägypten

Der Bericht zur Sinai-Tour einer Gruppe von unserem Studienjahr ist schon seit einiger Zeit im Netz. Einer von ihnen hat sich allerdings nach halber Zeit von uns abgeseilt und ist durch Ägypten gereist, zu Besuch bei koptischen Klöstern. Für eine Viertelstunde habe ich mich mit Benedikt zusammengesetzt und ihn darüber ausgefragt.

 

 

Kann ich dir zu Beginn eine Frage stellen, bevor wir anfangen, chronologisch vorzugehen? Wenn du eine Lehre, ein Fazit aus deiner Reise durch Ägypten ziehen müsstest, welches wäre das?

Es war für mich das erste Mal, dass ich in Ägypten gewesen bin, und ich war vor allem sehr beeindruckt von der Gastfreundschaft der koptischen Klöster. Wie zuvorkommend die koptischen Christen, Mönche sowie andere Gläubige sind, wie überreich wir mit Gastgeschenken bedacht und bei den Mahlzeiten verpflegt worden sind – das bleibt mir besonders gut in Erinnerung.

Wie bist du darauf gekommen, allein oder, wie wir gerade schon gehört haben, mit Begleitung durch Ägypten zu reisen?

(überlegt) Zum einen interessiert mich sehr die Thematik um die Ostkirchen herum, vor allem was die orientalischen Kirchen, die Kopten angeht. Ich bin begeistert von der Liturgie und da  hat es sich angeboten, dass ich mich in den Weihnachtsferien mit einem ehemaligen Studienjahrler treffe, mit ihm dann nach Ägypten fahre und dort in den Klöstern das koptische Weihnachtsfest verbringe.

Die Kopten feiern also nicht Weihnachten wie wir, sondern an welchem Datum?

Die Kopten feiern Weihnachten vom sechsten auf den siebten Januar, genau 13 Tage nach unserem Weihnachtsfest, weil bei ihnen die Berechnung noch nach dem julianischen Kalender erfolgt.

Dann fang doch einfach an zu erzählen: von dem Moment an, in dem du uns im Sinai verlassen hast, was ist da passiert?

Wir haben uns im Sinai getrennt. Die eine Gruppe ist zum Baden ans Rote Meer gefahren und ich bin genau in die entgegengesetzte Richtung nach Westen gefahren, durch den Sinai Richtung Suez. Dann habe ich mich mit meiner Begleitung getroffen, auf halbem Weg. Und dann haben wir versucht, möglichst viel Kilometer zum koptischen Pauluskloster zu fahren. Nach einer Übernachtung in der Nähe von Hurgada sind wir dann zum Pauluskloster gefahren, das auf den Heiligen Paulus von Theben zurückgeht und jetzt an die 80 Mönche beherbergt. Sehr beeindruckt hat mich, wie gesagt, die Gastfreundschaft vom dortigen Gastbruder und die große architektonische Tätigkeit, die die Mönche da verrichten.

Und kannst du einen Eindruck vermitteln? – Einige können sich vielleicht nicht einmal vorstellen, wie man in Deutschland oder hier auf dem Zion in einem Kloster lebt – wie lebt man dort in einem Kloster? Was für eine Atmosphäre herrscht da oder wie kann man sich das gemeinsame Leben der Mönche vorstellen?

Es ist nicht so ein gemeinsames Leben der Mönche, wie wir es beispielsweise vom Benediktinerkloster hier auf dem Zion kennen, sondern jeder Mönch lebt getrennt in einer Zelle außerhalb des Bereiches des alten Klosters, das sich im Zentrum befindet. Aufgrund der Anzahl der Mitglieder musste das Kloster vergrößert werden, denn das alte Kloster war nicht groß genug. So entstanden und entstehen rings um das alte Kloster neue Zellen mit zwanzig oder fünfundzwanzig Einheiten. Man schläft da allein und zu bestimmen Gebetszeiten kommen alle zusammen in die Kirche des alten Klosters und feiern da dann gemeinsam den Gottesdienst. An bestimmten Festtagen werden auch gemeinsam die Mahlzeiten eingenommen.

Habt ihr mit den Mönchen gemeinsam gegessen?

Als Gäste haben wir in einem eigenen Gästeflügel gewohnt und hatten auch da die Mahlzeiten.

Wie ging dann die Reise weiter?

Vom Pauluskloster aus ging es dann über Gizeh zum Antoniuskloster, auch in der Araba-Wüste. Dieses Kloster geht auf den Heiligen Antonius den Großen zurück. Dieser heilige Einsiedlermönch lebte in Ägypten im 3. Jhd. und gilt sozusagen als Vorbild für alle Mönche. Zum ersten Mal hat er das asketische Leben mitten in der Wüste, mitten im Nirgendwo gelebt. Im Antoniuskloster haben wir dann die Christmette in der größeren und neueren „Apostel-Kirche“ mitgefeiert. Das war ein besonderes Erlebnis, weil ich noch nie an einer siebenstündigen Liturgie teilgenommen habe.

Sieben Stunden?

Ja, wirklich. Es war eine fast sieben Stunden durchgehende Liturgie.

Kannst du eine grobe Zeiteinteilung geben? Was machen sie sieben Stunden lang in einer Christmette?

Begonnen hat die Christmette am sechsten Januar abends um 17 Uhr mit der Vesper, die alleine zwei Stunden gedauert hat. Anschließend gab es Lobpreisgesänge, die aus Anlass für des Weihnachtsfests gesungen werden - das hat auch wieder zwei Stunden gedauert. Gegen neun Uhr hat dann die „richtige Christmette“ begonnen, allerdings mit einem vorgeschalteten sogenannten Weihrauchopfer – das sind dann eigene Gesänge vor der Messe, während denen Weihrauch eingelegt und die ganze Kirche beweihräuchert wird. Gegen halb zehn ist dann der Abt-Bischof eingezogen und hat der weiteren Liturgie vorgestanden, die dann bis halb eins in der Nacht ging.

Was hat dich an der Liturgie am meisten beeindruckt oder war dir am fremdesten?

Am meisten beeindruckt hat mich die Musik. Erst einmal ist es ja so, dass auch in anderen Ostkirchen die gesamte Liturgie gesungen wird, also auch Lesungen werden singend vorgetragen. Dann kennen die Kopten keine Orgelbegleitung oder sonstige Begleitung von irgendwelchen Musikinstrumenten, sondern sie kennen nur die Begleitung von Percussion-Instrumenten. Also …

Drums.

Nein, nichts ganz. Die gesamten Gesänge werden begleitet von Becken, Triangel und Zimbeln, um auf diese Weise die Feierlichkeit hervorzuheben.

Sollte keiner behaupten, dass es nicht schwer wäre, das zu spielen.

Tja, wie heißt es so schön, was Afrikaner über die Europäer sagen? – „Europäer sind rhythmische Analphabeten.“ Und ich finde, man hat schon in Ägypten gemerkt, dass man sich auf dem afrikanischen Kontinent befindet.

Sehr wohl gesprochen. Ihr habt zwischendurch auch in den Klöstern übernachtet, auch in diesem Kloster?

Genau, wir waren insgesamt in drei Klöstern und haben in jedem Kloster je einmal übernachtet. Das dritte Kloster neben dem Paulus- und Antoniuskloster war das Kloster Deir al-Baramus, das im Wadi Natrun liegt, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Kairo. Auch da hat sich für uns das gleiche Bild geboten: eine erstaunliche Bautätigkeit, weil das Kloster durch regen Nachwuchs aus allen Nähten platzt – es gibt dort nämlich mittlerweile über hundert Mönche. So bilden sich rings um das alte Kloster sich immer neue Mönchszellen, eine neue, riesige Kirche wird gebaut und neue Landwirtschaftsgebäude entstehen.

Du warst hauptsächlich in Klöstern unterwegs, aber auch in Ägypten. Hast du etwas von der Atmosphäre des Landes mitbekommen, einfache Menschen auf der Straße getroffen, in Geschäften oder auch im Sherut?

Ja. Was mich unterwegs bei der Fahrt durch Dörfer am Nil entlang erstaunt hat, war vor allem die große Armut, die in Ägypten doch herrscht.
Von der Atmosphäre hat man schon eine gewisse Anspannung festgestellt. Es war ja gerade mal eine Woche her, seit der Anschlag in Alexandria am 1. Januar ganz Ägypten in Unruhe versetzt hat. Vor jedem koptischen Kloster hatte man eine Polizeistation aufgebaut, um den Schutz der koptischen Christen zu gewährleisten und besonders auch Anschlägen vorzubeugen.

Das heißt, vor jedem Kloster, in dem ihr wart, war auch eine Polizeiwache?

Genau. So eine Art kleinere Polizeisperre vor dem Eingang jedes Klosters.

Sehr eindrücklich. Im vorhinein hattest du aber keine Sorge, auf euch allein gestellt durch das Land zu reisen?

Es war mir im Hinblick auf den Anschlag, der eine Woche vorher passiert ist, schon mulmig, was uns da erwartet. Im Hinblick auf die Sicherheitsvorkehrungen und so weiter. Die hat man übrigens auch am Flughafen in Kairo gemerkt; ich bin nämlich wieder von Kairo aus mit einem Inlandsflug nach Taba, Richtung israelische Grenze geflogen. Am Kairoer Flughafen waren verstärkt Sicherheitskräfte im Einsatz, zumal in diesen Tagen, in denen das koptische Weihnachtsfest stattgefunden hatte.

Du – man kann es ja einmal sagen – studierst darauf, eines Tages Priester zu werden. Nun hast du viel von einem klösterlichen Leben nochmal gesehen. Inwieweit kannst du es nachempfinden, in ein Kloster einzutreten, anstatt vielleicht Gemeindepfarrer zu werden?

Ich kann es so soweit nachempfinden, als man als Gemeindepfarrer in der heutigen Zeit doch sehr viel mit anderen Verwaltungsaufgaben, statt mit seelsorgerlichen Tätigkeiten beschäftigt ist. Die größer werdenden Pfarreien drücken immer mehr auf die Schultern eines Pfarrers. Insofern kann ich es nachvollziehen, dass junge Leute sich vom klösterlichen Leben angesprochen fühlen, um noch einmal in besonderer Weise Christus nachzufolgen und sich  so ganz auf das Gebet zu konzentrieren und in dieser Weise in der Kirche zu dienen.

Aber du trittst jetzt nicht in ein koptisches Kloster ein?

Nein. ... In ein koptisches Kloster will ich nicht eintreten, aber das, was ich da an Atmosphäre, an Gastfreundschaft gegenüber den Gästen, an Freundlichkeit der Gläubigen untereinander mitbekommen habe, das wird mir auf jeden Fall in Erinnerung bleiben. In dieser Hinsicht kann man von den Kopten auch für unser christliches Miteinander etwas lernen.


Interview: Katharina Felsner